Deutsches Referenzzentrum für Ethik in den Biowissenschaften (DRZE)

Titel: Genetifizierung der Medizin?

Termin: 8.6.2001, 18:00 Uhr, bis 10.6.2001, 13:00 Uhr

Veranstaltungsort:
Haus Mühlberg
Am Mühlberg 17
67677 Enkenbach
Tel.: 06303 / 23 37
Fax: 06303 / 57 63

Kurzbeschreibung: Nach der Entschlüsselung der Struktur des menschlichen Genoms konzentrieren
sich die aktuellen Forschungen darauf, die Funktion der einzelnen Gene
zu bestimmen. Die Ergebnisse der Genomforschung bringen Fortschritte
in der Identifiezierung genetischer Ursachen für die Entstehung von Krankheiten
sowie Fortschritte in der Entwicklung der Testtechnologie hervor. Standen bislang
nu Tests für seltene Erbkrankheiten zur Verfügung, werden nun auch Tests
für weit verbreitete Volkskrankheiten entwickelt. Durch technische Entwicklungen
wie zum Beispiel die sogenannte DNA-Chip-Technologie wird die Durchführung
genetischer Tests in der medizinischen Praxis vereinfacht und verbilligt. Die
Erleichterung der Testdurchführung und die in der Folge zu erwartende
Zunahme der Testmöglichkeiten ermöglichen - so die Befürworter dieser
Entwicklung - ein vertieftes Verständnis der kausalen Krankheitsursachen sowie
die baldige Entwicklung hochspezifischer Präventionsmaßnahmen. Kritiker
meinen in dieser Entwicklung hingegen eine drohende unkontrollierte Ausweitung der
Testpraxis mit der Folge einer unreflektierten Genetifizierung der Medizin
sowie der gesamten Gesellschaft zu erkennen.

Die Diskussion konzentriert sich unter anderem auf folgende Fragestellungen:
- Genetische Tests im Rahmen der pränatalen Diagnose gehören mittlerweile
zu den Routineuntersuchungen im Rahmen der Schwangerschaftsvorsorge. Behinderungen
erscheint zukünftig nicht mehr als ein Schicksal, für das die Gesellschaft als
Solidargemeinschaft mit einsteht, sondern als eine vermeidbare und zu
vermeidende Beeinträchtigung. - Die PRäimplantationsdiagnostik ermöglicht
die genetische Untersuchung von Embryonen vor dem Transfer in den Uterus.
Die öffentliche Diskussion konzentriert sich auf die Frage des Status des
Embryos sowie einer eugenischen Selektion. - Genetische Tests auf DNA-Ebene
erlauben eine prädiktive Diagnostik vor Ausbruch einer Erkrankung, ohne dass
präventive oder therapeutische Maßnahmen vorhanden wären. Die erfolgreiche
Diagnose droht zu einer Belastung des Ratsuchenden und nicht zur Hilfe bei
der Lebensplanung zu werden. - Die Möglichkeit, immer mehr genetische Merkmale
zu identifizieren, lässt die Unterscheidung zwischen "gesund" und "krank"
unscharf werden. Der Begriff der "Diagnose" wird durch den Begriff der
"Prognose" ersetzt, wodurch lediglich eine Disposition für eine Krankheit
bezeichnet wird. - Die Ausweitung der Testmöglichkeiten macht den Zugriff
von Arbietgeber und Versicherungen auf die genetischen Daten eines Individuums
möglich. Der Abschluss von Versicherungs- und Arbeitsverträgen könnte vom
genetischen Profil des Versicherungs- und Arbeitnehmers abhängig gemacht
werden.

Die Tagung führt in den aktuellen Stand der rasch voranschreitenden Entwicklungen
auf dem Gebiet der Genomanalyse und Gendiagnostik ein und stellt das
Szenario einer "Genetifizierung er Medizin" zur Diskussion.

Vorträge: "Genetifizierung der Medizin?", Dr. Johann S. Ach, Enquête-Kommission
"Recht und Ethik der modernen Medizin" des Deutschen Bundestages Berlin; "Arbeitsentwurf
Referenzgenom - Bestandsaufnahme und Zukunftsprognosen derr Humangenomforschung",
Prof. Dr. Bernd Rautenstrauß, Institut für Humangenetik der Universität Erlangen-Nürnberg;
"Kinderwunsch - Elternangst - Wunschkinder? Humangenetische Beratung,
pränatale Diagnostik und Präimplantationsdiagnostik", Prof. Dr. Claus R.
Bertram, Direktor des Instituts für Humangenetik der Universität Heidelberg;
"Wenn das Schicksal vorhersagbar wird... Prädiktive Diagnostik multifaktorieller
Krankheiten und Krankheitsdispositionen", Dr. Dieter Schäfer, Institut für
Humangenetik des Universitätsklinikums Frankfurt/Main; "Einfacher - schneller -
billiger? DNA-Chiptechnologie in der genetischen Diagnostik", PD Dr. Wolfram
Henn, Institut für Humangenetik der Universität Homburg/Saar; "Gentests bei
Versicherungsabschlüssen und am Arbeitsplatz - Ethische und gesundheitspolitische
Probleme", Dr. Felix Thiele, Euroäpäische Akademie zur Erforschung von Folgen
wissenschaftlich-technischer Entwicklungen in Bad Neuenahr-Ahrweiler; "Der
vermessene Mensch - Grundfragen im Blick auf gentechnische Anwendungen
am Menschen", PD Dr. Nikolaus Knoepffler, Institut Technik - Theologie -
Naturwissenschaft (TTN) in München.

Kontakt: Geschäftsstelle der
Evangelischen Akademie der Pfalz
Domplatz 5
67346 Speyer
Tel.: 06232 / 60 20 - 0
Fax: 06232 / 60 20 - 22
eapfalz@t-online.de
www.evangelische-akademie-pfalz.de

Schlagworte: Genetische Tests/Beratung, Genforschung/-technik, Gentherapie, Humangenetik, Medizinische Ethik

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