Deutsches Referenzzentrum für Ethik in den Biowissenschaften (DRZE)

Titel: Menschenwürde und Gehirnintervention

Termin: 7.5.2010, 9:00 Uhr, bis 8.5.2010, 13:30 Uhr

Veranstaltungsort:
Universität Bielefeld Zentrum für interdisziplinäre Forschung (ZiF)
Wellenberg 1
33615 Bielefeld

Weitere Informationen:
http://www.uni-bielefeld.de/ZIF/AG/2010/05-07-Joerden.html

Kurzbeschreibung: Neurowissenschaftliche Versuche, das Gehirn des Menschen und dessen Arbeitsweise zu verstehen, haben streitige Positionen darüber herbeigeführt, zu welchen Aussagen man mit der Erforschung des Gehirns überhaupt gelangen kann. Immerhin ermöglichen verschiedene medizintechnische Methoden heute einen Einblick in die oberste Organisationsebene des Gehirns: Bildgebende Verfahren wie z.B. die Positronenemissionstomografie (PET) und die funktionelle Magnetresonanztomografie (fMRT), die den Energiebedarf von Hirnregionen messen, haben eine gute räumliche Auflösung, bis in den Millimeterbereich hinein. Insbesondere durch die Kombination mehrerer dieser Technologien kann man daher das Zusammenspiel verschiedener Hirnareale darstellen, das uns eine Erklärung kognitiver Funktionen wie Sprachverstehen, Bilderkennen, Tonwahrnehmung, Musikverarbeitung, Handlungsplanung, Gedächtnisprozesse sowie das Erleben von Emotionen ermöglicht. Die auf diese Weise gewonnenen Erkenntnisse können in vielfältiger Weise praktisch genutzt werden, insbesondere auch in der Medizin. Das veranschaulicht folgender Fall.

„Bethel – Haus Mara, Epilepsie-Zentrum. Als Maurice zur Welt kam, schnellte sein Körper nach dem ersten Atemschrei wie ein Klappmesser zusammen. Der Arzt sagte, der Junge habe einen Schaden. Intensivstation. Krampfanfälle. EEG. Krämpfe. Computertomografie. Krämpfe. Kernspintomograf. Epilepsie, sagte ein Arzt. Gehirnmissbildung rechts, präzisierte ein anderer. BNS, urteilte der dritte. Am Ende fällten die Ärzte ihr Urteil: Maurice gehöre zu jenen 20 Prozent krampfender Kinder, denen kein Medikament helfe. Seine Entwicklung sei extrem verzögert; momentan entspreche sie der eines fünf Monate alten Säuglings. Doch er sei geeignet für eine Operation, die man Hemisphärotomie nenne. Dabei werde das Gewebe der aufgeblähten rechten Gehirnhälfte mitsamt der Anfallsherde entfernt. Und für den Fall, dass anschließend weitere Nervenzellen rebellierten, müsse vorsorglich auch der verbindende Balken durchtrennt werden. Dann könne das Chaos nicht auf die gesunde linke Seite überwechseln. Maurice war 13 Monate alt als ihm ein großer Teil der rechten Hälfte des Gehirns entfernt wurde. Seither ist Maurice linksseitig gelähmt. Krankengymnastik, Frühförderung, Ergotherapie, Sprachtherapie. Ein halbes Jahr nach der Operation hatte die Neuropsychologin Maurice wie einen halbjährigen Säugling eingestuft. Sechs Monate darauf war er so weit wie ein 15 Monate altes Kind. In einem halben Jahr habe Maurice also neun Monate aufgeholt, errechnete die Mutter. So werde es nicht bleiben, warnte die Psychologin. [Die Mutter] zählte trotzdem leise weiter: Zwei Jahre noch, dann könnte ihr Sohn den Rückstand überwunden haben. Heute geht Maurice zur Schule. Eine Integrationshelferin steht ihm zur Seite.“ (Zusammenfassender Auszug aus: Spiegel online vom 28.12.2009: „Schwarzes Loch im Kopf“). – Offenbar haben hier die verbliebenen Teile des Gehirns von Maurice Funktionen und Aufgaben der entfernten rechten Gehirnhälfte übernommen und zumindest teilweise die sonst in der rechten Gehirnhälfte ablaufenden Steuerungsprozesse kompensiert. Es ist noch weitgehend ungeklärt, wie diese „Übernahme“ genau funktioniert. Gleichwohl wurden Operationen wie diese bereits vorgenommen und man muss die Frage stellen, ob und, wenn ja, welche rechtlichen und ethischen Grenzen es dabei zu beachten gilt.

Eine Brücke zu schlagen zwischen der medizintechnischen Grundlagenforschung und der ethischen und rechtlichen Beurteilung der klinischen und praktischen Anwendung unterschiedlicher Methoden der Gehirnintervention sowie ihrer Bedeutung für das Bild des Menschen und die Menschenwürde, ist die Aufgabe des Workshops „Menschenwürde und Gehirnintervention“. Im neurotechnologischen Feld stehen seit Langem eingeführte neuroprothetische Hilfsmittel für Personen mit Behinderungen (insbesondere für den Ersatz sensorischer Leistungen) bereit. Prothesen zur Kompensation sensorischer Einschränkungen und zur Verbesserung motorischer Fähigkeiten, Projekte zu kognitiv leistungssteigernden Implantaten sowie Ansätze zur Realisierung komplexer Mensch-Maschine-Schnittstellen, die das biologische System Gehirn direkt mit informationstechnischen Systemen koppeln sollen, gehören ebenfalls zu diesen Hilfsmitteln. Zugleich ist eine rege Diskussion darüber entstanden, ob mit bildgebenden Untersuchungen des menschlichen Gehirns Informationen gewonnen werden können, die tiefe Einblicke in die Persönlichkeit, die Neigungen und kognitiven Fähigkeiten des Untersuchten ermöglichen. Gerade auch dieser Aspekt wirft zahlreiche ethische, rechtliche und gesellschaftliche Fragen auf – insbesondere vor dem Hintergrund der „Human-Enhancement“-Thematik. In den einschlägigen Debatten findet man zwei Extrempositionen: zum einen den auf „Human Enhancement“ setzenden Posthumanismus und zum anderen die Kritik an einer „Dehumanisierung“ durch neue Technologien. Es geht dabei um den Gegensatz zwischen einem mehr oder weniger emphatischen Trans- und Posthumanismus, bei dem der Schwerpunkt auf der qualitativen Verbesserung des menschlichen Leistungsvermögens liegt, einerseits, und Warnungen vor einer Dehumanisierung und Verletzungen der Menschenwürde andererseits. In diesem Zusammenhang setzt sich der Workshop auch mit den Fragen auseinander, ob Gehirninterventionen und Gehirn„optimierungen“ etwa „widernatürlich“ seien und ob bei den angestrebten „Verbesserungen“ menschlicher Körperfunktionen ausreichend über die Manipulation gesunder Personen, die Beachtung des Datenschutzes sowie die Problematik des „informed consent“ nachgedacht wird.

Kontakt: Frau Karin Matzke
Universität Bielefeld
Zentrum für interdisziplinäre Forschung (ZiF)
- Forschungssekretariat -
Wellenberg 1
33615 Bielefeld
Tel.: +49 - (0)521 - 1 06 27 93
Fax: +49 - (0)521 - 1 06 27 82
karin.matzke@uni-bielefeld.de
http://www.uni-bielefeld.de/ZIF/

Veranstalter: Zentrum für interdisziplinäre Forschung (ZiF) an der Universität Bielefeld

Wissenschaftliche Leitung: Jan C. Joerden (Frankfurt (Oder)), Eric Hilgendorf (Würzburg), Felix Thiele (Bad Neuenahr-Ahrweiler)

Schlagworte: Drogen, Eugenik/Enhancement, Hirnforschung, Psychiatrie

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