Deutsches Referenzzentrum für Ethik in den Biowissenschaften (DRZE)

Titel: Medizin als Kultur/wissenschaft - Kulturwissenschaften der Medizin / Medicine as Culture - Cultural Studies of Medicine

Termin: 12.11.2004, 9:00 Uhr, bis 13.11.2004, 12:30 Uhr

Veranstaltungsort:
Kongresshaus (Congress Center)
Gotthardstrasse 5
8022 Zurich

Weitere Informationen:
http://www.sagw.ch/dt/index.asp?seite=detailTermine.asp&pag=start&id=4 ...

Kurzbeschreibung: Medizin und Kultur sind seit jeher eng miteinander verflochten. Sowohl die medizinische Forschung wie auch die ärztlichen und pflegerischen Praktiken verändern sich im Kontext der gesellschaftlichen Entwicklungen. So werden neue Krankheiten beschrieben, die auf bestimmten Bildern des Körpers basieren oder mit besonderen Lebensweisen in Verbindung gebracht werden oder Therapien werden entwickelt, die nur aufgrund spezifischer technischer Entwicklungen und entsprechender gesellschaftlicher Voraussetzungen ermöglicht werden. Die kulturellen Auffassungen darüber, wie unsere Körper gestaltet sind, wie sie funktionieren, und unter welchen Bedingungen sie als gesund oder krank gelten, strukturieren das medizinische Wissen und Handeln und verändern sich - selbst beeinflusst durch neue medizinische Erkenntnisse - kontinuierlich. Die bis im 18. Jahrhundert verbreitete Säftelehre wich einer mechanistischen Vorstellung des Körpers im Industriezeitalter, welche durch die Konzeption des Körpers als System und Organismus abgelöst wurde. Heute dominiert eine molekulare Sichtweise, welche körperliche Merkmale oder pathologische Veränderungen als Ausdruck und Ergebnis genetischer Veranlagungen versteht. Medizinisches Wissen und Praktiken haben sich nicht nur historisch gewandelt, sondern unterscheiden sich auch aufgrund ihrer kulturellen Verortung. So haben medizinethnologische Studien aufgezeigt, dass körperliche Symptome und Empfindungen keine anthropologischen Konstanten sind, sondern von lokalen Erfahrungen und Wissenskulturen abhängen. Entsprechend vielfältig sind die Formen der Klassifizierung pathologischer Phänomene und des Einsatzes therapeutischer Traditionen. Im Zuge der Globalisierung lässt sich eine Ueberlagerung unterschiedlicher epistemischer Praktiken und interventioneller Verfahren beobachten, indem etwa neben High-Tech Medizin auch traditionelle asiatische Medizin oder Naturheilverfahren eingesetzt werden.

Mit der zunehmenden Technisierung der medizinischen Forschungs- und Routinepraxis und ihrer immer stärkeren Verflechtung mit den aktuellen Bio- und Neurowissenschaften, müssen die Fragen zum Verhältnis zwischen der heute als Biomedizin bezeichneten Praxis und ihrem kulturellen Kontext neu gestellt werden. Die genetische Prämisse der biomedizinischen Praktiken führt nicht nur zu Neukonfigurationen der Grenzen zwischen Natur und Kultur, wie sie in den Life Sciences derzeit zu beobachten sind und etwa unter dem Stichwort Biosozialität diskutiert werden, sondern auch zu einer Recodierung der Trennlinien zwischen Gesundheit und Krankheit, zwischen Normalität und Pathologie. Gleichzeitig gewinnen derzeit prädiktive diagnostische Verfahren immer mehr an Bedeutung. Die Rede von "genetischem Risiko" und "genetischer Verantwortung" wirft grundsätzliche Fragen nach den kulturellen Hintergründen und Auswirkungen medizinischer Forschungspraktiken auf.

Die erstmals gemeinsam von der SAGW mit der SAMW organisierte Tagung will einige dieser Aspekte aufgreifen und die Fragen nach dem Verhältnis zwischen Medizin und Kultur aus aktueller Perspektive beleuchten. Dabei sollen weniger ethische Fragen im Zentrum stehen, auf welche sich der gesellschaftliche Diskurs seit der Entschlüsselung des menschlichen Genoms und der weitgehenden Etablierung des genetischen Paradigmas insbesondere konzentriert hat. Vielmehr stellt die Tagung verschiedene Perspektiven, die die aktuelle Biomedizin als kulturelle Praxis in den Fokus nehmen, zur Debatte (Medizin als Kultur) und fragt danach, inwiefern die Biomedizin selbst als Kulturwissenschaft begriffen werden kann (Medizin als Kulturwissenschaft). Gleichzeitig sollen aktuelle Entwicklungen innerhalb der Sozial-, Geistes- und Kulturwissenschaften diskutiert werden, welche medizinische Themen zum Gegenstand ihrer Untersuchungen machen (Kulturwissenschaften der Medizin, Medical Humanities).

Kontakt: Mrs. Viviane von Kaenel
SAGW / SAHSS
Hirschengraben 11
P.O. Box 81 60
3001 Bern

Tel.: +41 - 31 - 3 13 14 40
Fax.: +41 - 31 - 3 13 14 50

vonkaenel@sagw.unibe.ch
http://www.sagw.ch

Veranstalter: Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften / Swiss Academy of Humanities and Social Sciences

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